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Die Chemie muss stimmen!

Aus einem weltbekannten Werk eines großen englischen Dichters (sorry Mr. Goethe) ist ein Satz immer wieder zitiert worden: Chemie or not to be, Chemie oder nicht Sein. Oder: Ohne Chemie geht eigentlich nichts. Dem halbwegs allgemeingebildeten Zeitgenossen und Zitatekenner (das ist z.B. i.d.R. der Absolvent eines Gymnasium) drängen sich jetzt Gedanken auf:

  1. Im Internet steht ja an entsprechender Stelle etwas anderes.
  2. "Mich packt der Horror, wenn ich an Chemie denke!" (Atommodelle, Chemische Formeln, chemisches Rechnen)
  3. Viele erinnern sich an den Spruch: "Chemie ist, wenn es knallt und stinkt"! Was ist wiederum und andererseits so faszinierend an dieser Naturwissenschaft?

Zu Punkt eins lässt sich ganz klar sagen: Leider ist das Zitat nicht ganz korrekt wiedergegeben, hier ist eben die Chemie mit mir durchgegangen. Heute wissen wir, dass z.B. jede Sinneswahrnehmung, jede Gefühlsregung ("Schade, Schalke hat schon wieder verloren") oder jede auch noch so geringe Denkleistung ("Ich dachte, heute sei schulfrei ..." ) - eigentlich unser ganzes Tun und Handeln - nur durch komplexe chemische Reaktionen im Gehirn möglich ist. Als Shakespeare seine berühmten Worte zu Papier (damals - wie heute auch wieder - chlorfrei gebleicht) brachte, waren in diesem denkwürdigen Augenblick bestimmte chemische Verbindungen daran beteiligt (z. B. Proteine - man forscht mit viel Aufwand an der menschlichen Schaltzentrale). Bei der obigen absichlich falschen Zitatwiedergabe ebenso.

Die Chemie muss stimmen! Das mittlerweile häufig benutzte geflügelte Wort weist auf die Bedeutung dieser Naturwissenschaft hin: Also, ohne geht nichts! Aber hören wir jetzt nicht die mahnenden Worte aus allen Kreisen der Bevölkerung oder das Geschrei vieler Schüler: "Alles, nur nicht Chemie!"

Die ständige Diskussion in der Gesellschaft über die Notwendigkeit der Chemie reicht - ganz einfach ausgedrückt - von gut bis böse. Jeder weiß, dass viele (fast alle) Vorgänge in unserer Umwelt ohne Chemie nicht möglich wären und unser tägliches Lehen sich ganz anders gestalten würde. Neben Fortschrittseuphorie trifft die Chemie mehr als alle anderen Naturwissenschaften aber auch auf eine diffuse Fortschrittsskepsis bis hin zum massiven Widerstand, wenn Berichte über Unfälle oder Giftrückstände in der Umwelt veröffentlicht werden. Dann doch lieber "Bio", heißt es in großen Teilen der Bevölkerung. Nebenbei bemerkt ist eines der modernsten Gebiete der Biologie, die Molekularbiologie, aber wissenschaftlich betrachtet auch fast nur Chemie.

"Wer gegen Chemie ist, der soll sich erst mal ohne Betäubung operieren lassen" (K. Eigen, MdB, in: (2)) Ist Chemie also Fluch und Segen? Die Schizophrenie besteht darin, dass der moderne Mensch auf die Errungenschaften der Chemie nicht verzichten möchte, aber auch keine Gelegenheit ausläßt, ihre negativen Seiten herauszustellen.

Und in der Schule? Müsste es nicht faszinierend sein, mitzuerleben, wie der Chemiker - wie bei keiner anderen Naturwissenschaft möglich - nur aus der Kenntnis des Aufbaus der Stoffe auf ihre Eigenschaften schließen und ihr Verhalten gegenüber anderen Stoffen vorhersagen kann? (Wenn sich also 3 Kohlenstoffatome, 3 Stickstoffatome, 6 Sauerstoffatome und 5 Wasserstoffatome verbinden, so erhält man eben eine höchst explosive Verbindung: Nitroglycerin.) Eigentlich müsste die Antwort "Ja" lauten. Wären da nicht die Formeln oder die Bindungslehre (warum verbinden sich die Atome gerade so?), die immer noch die anfängliche Begeisterung bei zu vielen Schülern auf ein ernüchterndes Maß reduzieren.

Wer über TIMSS nachdenkt, der muss sich auch mit der Beliebtheit und dem Selbstverständnis des Faches Chemie - das im Gegensatz zu anderen Fachbereichen nach wie vor nicht unbedingt hoch in der Gunst der Schüler steht - auseinandersetzen. Das Problem ist nicht neu. Generationen von Schülern haben das zu spüren bekommen. Davon zeugen Berichte über Chemieunterricht, in dem z.B. über Jahre hinweg nur ein Unterrichtsgegenstand behandelt wurde: Die Goldgewinnung!´

(Reaktionsgleichung: Goldlack + Ritze -> Gold + La(c)kritze) (4)

So etwas ist heute (hoffentlich?) absolute Ausnahme. Seit zwei Jahrzehnten hat sich das Niveau des Chemieunterrichts deutlich gebessert, was verschiedene Untersuchungen belegen. Unterrichtsausfall wegen Fachlehrermangel gibt es praktisch nicht mehr. Die Ausstattung der meisten Chemiesammlungen ist zumindest so gut, dass auf die berüchtigte "Kreidechemie" getrost verzichtet werden kann. Trotzdem rangiert das Fach in der Beliebtheitsskala, betrachtet man z.B. das Wahlverhalten der S II-Schüler in NRW, weiter auf den hinteren Plätzen, und Zweifel an der Qualität oder Akzeptanz des Chemieunterrichts werden laut. Inwieweit diese berechtigt sind oder nicht, kann in diesem Rahmen natürlich nicht zufriedenstellend diskutiert werden. Einige Anmerkungen seien aber erlaubt. Wurde in der Vergangenheit Kritik an der Chemie geäußert, so zog sich der Chemiker in den Verteidigunsgraben zurück, um zu retten, was sowieso schon verloren war. ("Immer, wenn ich in der 9. Klasse das Orbitalmodell behandele, schalten die Schüler ab.") Chemisch betrachtet könnte man das so ausdrücken: "Hast du die Säure erstmal verschüttet, ist der Lochfraß schon beschlossene Sache."

Die Werbestrategen der Chemischen Industrie haben das schon länger begriffen und stellen in den Vordergrund, was die Menschen an der Chemie schätzen und was das Leben in jeder Hinsicht erleichtert: Die High-Tech- Materialien für die großen Freuden des Lebens oder die kleinen blauen Tabletten für die kleinen. Der ungeliebte Rest bleibt im Labor oder wird versiegelt.

Es ist an der Zeit, in die Offensive zu gehen und das, was die Fazination am Fach ausmacht, in den Vordergrund zu stellen.

Nicht erst seit der Diskussion nach TIMSS gibt es Signale, erste Überlegungen und positive Ansätze zum fächerbergreifenden Unterricht, zur Koordination der Lehrinhalte der NW-Fächer, gibt es Projekte zur Stärkung des mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Unterrichts, gibt es Überlegungen zum Einsatz neuer Technologien und zur Neugestaltung der Lehrpläne mit viel Alltagsorientierung und Praxisbezug. Insbesondere der letzte Punkt scheint stichhaltig; denn hat der Schüler erst einmal genügend Kenntnisse und Erfahrungen über seine Umwelt gesammelt, so fragt er von sich aus: "Warum?". Dann kann und soll auch auf einen theoretischen Hintergrund nicht verzichtet werden. Dann ist der Einsatz von Modellen sinnvoll, weil in dieser Naturwissenschaft viele Vorgänge nicht nur im Makroskopischen, sondern auch im submikroskopischen (atomaren) Bereich ablaufen. Theorie oder Modelle als Selbstzweck sind fortan tabu!

Umdenken ist angesagt! Gebt uns etwas Zeit, gebt uns etwas Geld und ab und zu neue Kolleginnen und Kollegen, die darauf brennen, die Materie aufzuwirbeln!


Literatur

  1. Stärkung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, MSWWF/NRW 1998.
  2. Hans Rudolf Christen, Aufsatz in CHEMKON, Weinheim 1997.
  3. Labudde/Hollenstein, Thesen zur Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts, Bern 1998.
  4. Wolfgang Konarski, Erinnerungen an meine Schulzeit, Recklinghausen 1999.
  5. Richtlinien und Lehrpläne Chemie S I und S II NRW, 1993-1998.

 


Links

  1. Die Schulchemie-Webseite
  2. Seite mit Vorführung von chemischen Versuchen
  3. Linksammlung zu annähernd 300 Chemiker-Biographien
  4. Referate mit chemischen Themen
  5. Chemie bei Abi-tools.de