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Moderatoren AG des Petrinum beim WDR

Vor dem Hintergrund des Amoklaufs in Emsdetten steht der folgende Text, den der WDR am 29.11.2006 auf seiner Internetseite veröffentlichte und in dem Schüler und Lehrer der Moderatoren AG des Petrinums zu Wort kommen. Wir drucken den Beitrag in etwas gekürzter Form ab.

"Damit Kinder nicht gebrochen heimgehen"

Von Stephanie Berling

Oft Rufmord oder Demütigung. Er hat sich wie ein Verlierer gefühlt, der Amokläufer Sebastian B. aus Emsdetten; von Mitschülern gedemütigt, von den Lehrern unverstanden. Beispiele psychischer Gewalt an der Schule gibt es viele. Da wird die "Hackfresse des Monats" auf der Homepage einer Klasse gekürt. Oder ein behinderter Junge von Mitschülerinnen aufgrund seiner Impotenz mit dem Spitznamen "Hängeschwanz" gequält. Ein anderer Schüler muss unter Androhung von Gewalt einen Sklavenvertrag unterschreiben und von da an einer Clique von Jungs zu Diensten stehen. Wolfgang Kindler kennt viele solcher Fälle. Der Lehrer des Recklinghäuser Petrinum-Gymnasiums berät Schulen in ganz NRW zum Thema Mobbing, also "meistens Rufmord und Demütigung." Damit solche Situationen gar nicht erst aufkommen, hat Kindler zusammen mit Schülern und Lehrern vor mehr als zehn Jahren an seiner Schule die Moderatoren AG entwickelt. Sie geht über die üblichen Schlichterprogramme hinaus, weil sie präventiv und wie ein Frühwarnsystem funktioniert.

Schülerpaten klären auf und greifen ein

Was Mobbing ist, lernen Fünftklässer am Petrinum oft noch bevor sie ihre erste Arbeit schreiben - von drei Schülerpaten. "Wir klären die Schüler genau über erste Anzeichen und Gründe auf", sagt Esther von Bronk. "Genauso wichtig ist uns, die Klassengemeinschaft zu stärken", ergänzt ihre Mitschülerin Lena Bachstädter. Dazu organisieren die Paten beispielsweise gemeinsame Nachmittage. "Mit Spielen wollen wir das Vertrauen innerhalb der Klasse fördern", erklärt der Dritte im Bunde, Matthias Doering. Die Zehnt- und Elftklässler werden so ganz schnell zu Vertrauenspersonen für ihre "Patenkinder". Die Schülerpaten investieren für die Aufgabe viel Freizeit. Nach einer einjährigen Ausbildung erarbeiten die rund 30 Schüler in der regelmäßigen Moderatoren AG konkrete Lösungsvorschläge für Streitfälle.

Helfen, nicht petzen

Und dennoch: Moderatoren und Patenprogramm können auch am Petrinum-Gymnasium Mobbing nicht völlig verhindern. Ausgerechnet in der Klasse von Esther und Lena machen ein paar "coole Jungs" einem anderen das Leben schwer. "Der Unterschied ist aber, dass bei uns viel herauskommt", betont Wolfgang Kindler. Die Schüler, ob Pate oder nicht, sind äußerst sensibilisiert. Sie melden sich, sobald einem Klassenkameraden zugesetzt wird - sehen das als Hilfe nicht als petzen. Die Lehrer haben ein waches Auge. Lehrerin Elke Reppert, deren Kinder zum Petrinum gehen, kennt auch die Perspektive aus Elternsicht: "Die Schule setzt ein deutliches Signal: Uns geht es hier nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch darum, dass kein Kind gebrochen nach Hause geht."

Mobber werden am Petrinum schnell zur Rede gestellt. Ihnen versuchen die Moderatoren das Fehlverhalten klarzumachen. "Wir schauen genau, was hinter einem Streit steckt", sagt Lena. Funktioniert das nicht, helfen nur noch "knallharte Sanktionen", so der 58-jährige Pädagoge Kindler, etwa der Ausschluss von Klassenfahrten bis hin zum Schulverweis. Nach dem Vorfall mit dem Sklavenvertrag an einer anderen Schule gab es nur eine Verwarnung. "Schulen gehen damit sehr unterschiedlich um", so Kindler, "viele bestrafen Mobbing meines Erachtens zu gering."

Demütigung kann schnell in Aggression umschlagen

Bei all dem wird das Opfer nie aus dem Auge gelassen. "Das Schlimmste für sie ist doch das Gefühl, allein zu sein", weiß Schülerpatin Lena. Sie und die anderen Moderatoren sind für diese Mitschüler da und verteidigen sie. Wie Fälle von Ausgrenzung und Demütigung enden können, beschreibt Lehrer Kindler. "Früher oder später leiden die Opfer unter Selbstaggression oder Depression, manchmal kann es auch in Aggression auf andere umschlagen." So wie bei Sebastian B. aus Emsdetten. Als Esther von dem Amoklauf erfuhr, war ihr erster Gedanke: "Da ist viel schief gelaufen, das lag nicht nur an dem Schüler."

Psychische Gewalt bloß nicht verdrängen

Das Zusammenleben vieler Individuen kann nie konfliktfrei sein, dessen ist sich Wolfgang Kindler bewusst. "Die Gesellschaft wird immer regelloser und unverbindlicher, da nimmt das Problem psychischer Gewalt noch weiter zu", so seine Prognose. Deswegen sei es wichtig, sich dem Problem zu stellen. Nicht alle Kollegen tun das. Er kennt Vertrauenslehrer, die Mobbing an ihrer Schule leugnen. Kindler aber weiß genau: "Wenn man Mobbing ignoriert, verschärft es sich nur."

WDR, 29.11.2006