Besuch beim „Erzählcafé für NS-Verfolgte“

19. Sep 2024 Zurück zu Aktuelles

„Weißbrot war damals ein Ausdruck von Wohlstand und da meine Mutter Sima als Buchhalterin in einer Brotfabrik arbeitete, hatten wir sehr viel Weißbrot zuhause“, erinnerte sich am Mittwoch, 11.09.2024 im „Erzählcafé für Verfolgte des Nationalsozialismus“ der Zeitzeuge Eugeniy Kuznetsow (*1933). Manchmal habe er das Weiße sogar sattgehabt und gerne gegen Schwarzbrot von Jungen aus der Nachbarschaft getauscht. Rückblickend sagte er, habe er eine schöne Kindheit gehabt, die er in der Stadt Artemowsk (seit 2016 Bachmut) in der Ostukraine als Kind jüdischer Eltern inmitten einer großen jüdischen Gemeinde erlebte. Als das Deutsche Reich im Juni 1941 die Sowjetunion überfällt, ändert sich das Leben der Familie Kutznetsow schlagartig. Eugeniy ist damals acht Jahre alt, sein Vater wird zur Armee eingezogen, seine Mutter muss nun alleine für die Kinder sorgen. Den Hoffnungen seines Onkels, der wie viele andere Einwohner der Sowjetunion nicht wusste, was an der Front des ideologischen „Rasse- und Vernichtungskrieges“ vor sich ging, die keine Kenntnis von den sogenannten „Einsatzgruppen“ des „NS-Sicherheitsdienstes“ und der Wehrmacht hatten, die in den eroberten Gebieten bestimmte Menschengruppen der Zivilbevölkerung – darunter Kommunisten, Menschen jüdischen Glaubens, Sinti und Roma – brutal ermordeten, dass die Deutschen doch „intelligent und ausgeglichen“ seien, setzt der Vater die nachdrückliche Aufforderung zur Flucht entgegen. So lauschen die Jugendlichen des Geschichtskurses der Stufe EF, dass Eugeniys Mutter für sich und seinen jüngeren Bruder Waleriy alle erdenklichen Vorbereitungen zur Flucht trifft.

Doch die Familie hat keine Chance, sich einer der Evakuierungsmaßnahmen anzuschließen. Auch der Versuch, mit zwei Pferden und einem Fuhrwerk die Stadt zu verlassen, scheitert. Erst einen Tag, ehe die Deutschen am 10.10.1941 Artemowsk erobern und nahezu alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder töten, gelingt Sima, Eugeniy, Waleriy und einigen weiteren Familienmitgliedern die rettende Flucht gen Osten mit einem Mann, der ein Auto besitzt und sie gegen Lebensmittel mitnimmt. Nach ca. 7000 Kilometern wird die Familie Sibirien im Jahre 1943 auf ihrer abenteuerlichen Flucht erreichen: „Mal sind wir auf gut Glück auf einen Zug aufgesprungen, ohne zu wissen, wohin er fährt. Dann erkannten wir, dass er Richtung Front fährt. Sofort haben die Erwachsenen die Koffer wieder hinuntergeworfen und wir mussten hinterher springen, wir wollten doch nach Osten!“, schildert Eugeniy weiter. Erst Ende 1944 kehren sie nach Artemowsk zurück, als die Rote Armee die deutsche Wehrmacht zurückgedrängt hat.

Nicht nur die Stadt ist völlig zerstört, auch alle zurückgebliebenen Familienmitglieder sind ermordet worden: Vom 09. bis 12.01. 1942 wurde unter Vorgabe der „isolierten Unterbringung“ die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer aufgefordert, sich in Nähe der unterirdischen Gänge und Höhlen Artemowsks zu sammeln. In einem 50-70 Meter tief liegenden Stollen unter der Erde wurden 3000 Jüdinnen und Juden durch Mitglieder der Wehrmacht und einer Einsatzgruppe bei lebendigem Leibe eingemauert. Um die Aktion zu vertuschen, wurden die Wände des Stollens abgesprengt. Der über 90jährige ergänzt: „Diese Taten an den Menschen und auch, dass meine Heimatstadt heute vollständig zerstört ist, macht mich sehr, sehr traurig. Unser Planet ist ganz klein. Wir müssen alles dafür tun, um einen Dritten Weltkrieg zu verhindern.“

Ehe die Jugendlichen sich von dem Zeitzeugen verabschieden, bleibt noch Zeit für ein paar persönliche Worte, die eine Schülerin an ihn richtet: „Ich bewundere Sie dafür, dass Sie so stark sind, dass Sie uns heute von all dem erzählen können.“ Und dafür erntet sie von Eugeniy einen herzlichen Händedruck und ein warmes Lächeln.

Von: Gesa Sebbel