In der Reihe der „Libri Trimestres - der Bücher des Quartals“ wird mit Beginn 03/2026 einmal pro Quartal ein Buch aus der historischen Lehrerbibliothek des Gymnasium Petrinum vorgestellt. Die gesammte Sammlung der Libri Trimestres gibt dabei einen kleinen Einblick in die Vielfalt der Werke und die bibliophilen Schätze der historischen Lehrerbibliothek. Die Gestaltung der Poster verantwortet Adina Barkholt, die Kuratierung obliegt Michael Rembiak.
NOVALIS - DIE BLAUE BLUME DER ROMANTIK
Novalis (1772 - 1801) | Gesamtausgabe 1910
Signatur: Da II 5570 / DA II 5580
Im Liber trimestris – Buch des Quartals 3/4026 der Historischen Lehrerbibliothek des Gymnasiums Petrinum rückt ein Autor in den Mittelpunkt, dessen Stimme bis heute nachklingt: Novalis (1772–1801). Anlässlich seines 225. Todestages im Jahr 2026 wird eine besondere vierbändige Gesamtausgabe seiner Werke vorgestellt – erschienen 1910 in der Reihe „Goldene Klassiker Bibliothek“ im Verlag Bong in Berlin und in der Bibliothek unter der Signatur Da II 5570 verfügbar. Diese Edition vereint auf eindrucksvolle Weise literarische Bedeutung und buchkünstlerischen Anspruch.
Novalis zählt zu den zentralen Gestalten der deutschen Frühromantik. Sein Schreiben ist getragen von der Idee, dass sich die Welt durch Poesie erschließen und verwandeln lässt. Wissenschaft, Philosophie und Dichtung stehen bei ihm nicht nebeneinander, sondern bilden eine Einheit. Seine Texte kreisen um große Themen: die Sehnsucht nach dem Unendlichen, die Überwindung von Grenzen zwischen Leben und Tod, die Suche nach einem tieferen Sinn hinter den sichtbaren Dingen.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist der unvollendete Roman Heinrich von Ofterdingen in Band 2 der Gesamtausgabe. Ein Einzelexemplar dieses Werks ist einer 1876 von Julian Schmidt in Leipzig im Verlag Brockhaus herausgegebene Ausgabe ebenfalls im Bestand der Bibliothek unter der Signatur DA II 5580 verfügbar. Im Mittelpunkt steht ein junger Dichter, der sich auf eine Reise begibt – äußerlich durch verschiedene Landschaften und Begegnungen, innerlich jedoch auf der Suche nach seiner Bestimmung. Berühmt geworden ist dabei das Symbol der „Blauen Blume“, das dem Protagonisten im Traum erscheint. Diese Blume steht für die romantische Sehnsucht nach Erkenntnis, Liebe und der Einheit von Mensch und Natur. Der Roman entfaltet in poetischen Bildern eine Gegenwelt zur nüchternen Realität der beginnenden Moderne und lädt dazu ein, das Staunen und die Vorstellungskraft neu zu entdecken. Gerade in seiner Fragmenthaftigkeit liegt dabei ein besonderer Reiz: Das Unvollendete öffnet Raum für eigene Deutungen und macht den Text bis heute lebendig.
Auch in seinen Hymnen an die Nacht zeigt sich Novalis als Dichter von großer Intensität. In kunstvoll rhythmisierter Sprache verbindet er persönliche Erfahrung mit religiös-philosophischer Reflexion. Die Nacht erscheint hier nicht als Dunkelheit, sondern als Raum der Verwandlung, der Trost und Erkenntnis bereithält – ein Gegenpol zum rationalen Tageslicht.
Die vorgestellte Gesamtausgabe von 1910 ist mehr als nur ein Träger dieser Texte. Als Teil der „Goldenen Klassiker Bibliothek“ spiegelt sie das Bildungsverständnis ihrer Zeit wider, in der klassische Literatur als unverzichtbarer Bestandteil geistiger Bildung galt. Die sorgfältige Gestaltung, die klare Typografie und die repräsentative Ausstattung machen die Bände selbst zu historischen Objekten, die vom Umgang mit Literatur um 1900 erzählen.
Für die Historische Lehrerbibliothek des Petrinums besitzt diese Ausgabe daher einen doppelten Wert: Sie bewahrt nicht nur das Werk eines der bedeutendsten Dichter der Romantik, sondern dokumentiert zugleich die Geschichte schulischer Lektüre und literarischer Kanonbildung. Wer zu diesen Bänden greift, begegnet nicht nur Novalis, sondern auch einer vergangenen Lesekultur.
So lädt dieses „Buch des Quartals“ dazu ein, sich auf die poetische Gedankenwelt von Novalis einzulassen – und vielleicht selbst ein wenig von jener „Blauen Blume“ zu entdecken, die seit über zwei Jahrhunderten Leserinnen und Leser fasziniert.
