„Wir sind alle Menschen“ – Begegnung mit der Zeitzeugin Eva Weyl

06. Jun 2025 Zurück zu Aktuelles

Äußerst gespannt und konzentriert lauschen die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 und 11 der niederländischen Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugin Eva Weyl (*1935), die sich eigens aus Amsterdam am Morgen des 27.05.2025 auf den Weg gen Petrinum gemacht hat und den Jugendlichen von ihrer Internierung im Durchgangslager Westerbork (NL) in den Jahren 1942 bis 1945 erzählt. Geboren in eine jüdische Familie erlebte Eva Weyl zunächst eine unbeschwerte Kindheit – ihre Eltern waren bereits vor ihrer Geburt vor dem Terror der Nationalsozialisten aus Kleve nach Arnhem (NL) geflüchtet. Ehe 1938 die beiden Großväter nachkamen, hatte das Mädchen auch schöne Zeiten zu Besuch beim Großvater in Freiburg i. Br. verbracht und sich ausgerechnet in Fritz verliebt, dessen Vater „der größte Nazi war“. Der Umgang mit dem Jungen wurde Eva sofort verboten. Aber sie resümiert: „Ich war verliebt. Ich verstand nicht, was an Fritz falsch sein sollte, für seinen Vater konnte er doch nichts. Mein Herz hat sich gesträubt, auf meinen Großvater zu hören.“ Gewendet an ihre junge Zuhörerschaft sagt sie: „Lasst eure Gefühle sprechen und euch nicht so einfach davon abbringen, wenn ihr jemanden mögt.“ Doch Frau Weyl spricht nicht nur über das Verliebtsein oder zaghafte Kontaktaufnahme, womit sie unumwunden an den Alltag der Jugendlichen anzuknüpfen versteht, sie spricht auch von Ausgrenzung, Beleidigungen, Übergriffen, Demütigungen und Gewalt, die jüdische Menschen verstärkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erleiden mussten. Dies machte auch vor den Schulen nicht Halt, immer wieder wurden jüdische Schülerinnen und Schüler zu Opfern der anderen, erniedrigt und entwürdigt, „aber dieses Mobbing war erst der Anfang“. Sehr eindringlich schildert die fast 90-Jährige, die ihren Vortrag durch persönliche Familienbilder, Zeichnungen und Karten stützt, wie ihre Mutter sie vor den einzelnen Vorgängen der ab 1942 beginnenden Internierung und denen im Lager Westerbork immer wieder geschützt hat: „Kinder wurden unwissend gehalten, das war so Sitte. Meine Mutter sagte immer: ‚Wenn es soweit ist, Evchen, erzählen wir es dir.‘“

Das Lager selbst war laut Frau Weyl „ein Unicum, eine Scheinwelt“: So gab es dort eine Schule, die Eva besuchte, Arbeit in der Landwirtschaft, ein Krankenhaus, in dem malade Erwachsene und Kinder wieder gesund gepflegt wurden, und dreimal am Tag eine richtige Mahlzeit. „Es ging den Menschen äußerlich gut, es gab auch kaum Fluchtversuche…“ Doch aus dem mit Stacheldraht umzäunten Durchgangslager Westerbork rollten regelmäßig die Deportationszüge in den Tod, denn niederländische oder sich in den Niederlanden aufhaltende deutsche Juden wurden in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten verschleppt und dort ermordet. „80.000 Menschen hat der Lagerkommandant Albert Gemmeker auf dem Gewissen, die er auf Listen gesetzt, nach Auschwitz ins Gas geschickt hat. Industrieller Massenmord. Das war auch das Wesen des Krieges.“ Mehr als einmal entgeht Evas Familie dem sicheren Tod, womöglich, weil ihr Vater eine Funktion in der Lageradministration innehatte. Dennoch beherrschten Unsicherheit und Willkür, falsches in Sicherheitwiegen den Lageralltag ihrer Eltern und der weiteren Häftlinge: „Wir wollten es einfach nicht glauben, dass man 2000 Kilometer weiter entfernt ermordet wurde.“ Albert Gemmeker bezeichnet sie heute als „Drecksack, der es perfektioniert hatte, diese Scheinwelt zu initiieren“, aber „mit seiner Enkelin bin ich mittlerweile sehr eng befreundet. Wir sind beide Opfer desselben Mannes geworden und wir sprechen darüber.“

Nach einem 70-minütigem Vortrag nimmt Frau Weyl sich Zeit für ein Gespräch mit den Jugendlichen. Sehr persönlichen Fragen kommt sie überaus freundlich nach, resümiert ihre Lebensentscheidung und zeigt ihre Freude über das rege Interesse der Anwesenden. „Mir hat gefallen, dass sie so persönlich von sich erzählt hat, wie es ihr während der Gefangenschaft und nach dem Krieg ergangen ist und wie sie heute auf ihr Leben zurückschaut“, resümiert eine Schülerin. Keine Vorwürfe wolle Eva Weyl den Jugendlichen machen, immer wieder fordert sie aber Verantwortung füreinander als Menschen ein, der die Jugendlichen sich künftig annehmen mögen. „Ich möchte deutlich machen, wie wichtig es ist, dass ihr wisst, was damals mit den Menschen geschehen ist, was mir und meiner Familie passiert ist.“ Wenn die Jugendlichen nun zu ihren Zweitzeugen werden und ihre Geschichte weitertragen, sei Evas Weyls „Mission erfüllt“.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Frau Weyl für ihre Zeit und bei dem Verein Denk Dran e.V., der unsere Begegnung mit begleitet hat.

Von: Fachschaft Geschichte